Tatjana Nivilinszky gibt Stimmtraining und zeigt
Chorleitern, wer gern schummelt

Geschrieben von Bettina Pflaum, Delmenhorster Kreisblatt Donnerstag, 18. Dezember 2008

Fotografin wollte sie werden, ihre außergewöhnliche Stimme hat sie auf einen anderen Weg geführt – und aus der Sängerin ist eine Stimmbildnerin geworden.

Hoykenkamp. Eigentlich wollte Tatjana Nivilinszky Fotografin werden. Hätte sie beim Fotografieren in der Hochschule der Künste Bremen nicht gesungen – sie hätte ihr Berufsziel erreicht: In ihrem Heim in der Hoykenkamper Fockestraße zeugen großformatige selbstgemalte Bilder von dem künstlerischen Auge der zierlichen Sängerin. Doch ihre Liebe zum Gesang und ihre vier Oktaven umfassende Stimme ließen nur eines zu: „Du musst der Menschheit deine Stimme schenken“, rieten die Dozenten, die sie in der HdK hörten.

Seitdem bekam sie von der Sopranistin Julia Hamari Gesangsstunden und entdeckte eine ungewöhnliche Gabe in sich: „Ich habe immer sofort gehört, woran es lag, wenn ein Gesangsschüler Probleme hatte“, erzählt sie und berichtet, dass ein Student an einer Arie aus dem „Vogelhändler“ fast verzweifelt wäre, bis sie ihm riet: „Du bist total verspannt im Rücken.

 

tatjana
Tatjana Nivilinszky hat nicht nur eine beeindruckende Stimme – sie kann auch genau hören, wo die stimm- lichen Blockaden bei anderen liegen.
Geh auf allen Vieren, wackele mit dem Po und dann sing’ dabei.“ Als er das Stück am Nachmittag der Dozentin fehlerfrei vortragen konnte, wurde ihr Talent zur Stimmbildnerin erkannt und gefördert. Tatjana Nivilinszky unterrichtete erst einige Jahre in Bremen, und seit März ist sie nun mit ihrer Gesangsschule „Stimm-Oase“ in Hoykenkamp am nördlichen Rand von Delmenhorst ansäs-sig. Hier unterrichtet sie natürlichen Gesang und bietet Sprachförderung, Atemlehre, Stilfin-dung, Stimmanalyse, Posingcoaching und Künstlerbetreuung. Auch Seminare veranstaltet die sympathische Künstlerin hier, bei größerer Teilnehmerzahl finden die Workshops in den Räumen der Musikschule Strings statt. Oft nutzen Chöre Tatjana Nivilinszky stimmpädagogisches Geschick. „Ich höre sofort, ob da jemand falsch eingestellt ist oder schummelt“, teilt sie augen-zwinkernd mit.
Ihr aktuelles Projekt ist die Produktion einer CD mit eigenen Songs gegen Kindesmisshand-lung, bei der auch ihr sechsjähriger Sohn mitwirkt. „Die Leute hören dann auf, ihre Kinder zu schlagen“, überzeugte Maximilian seine Mutter. Im kommenden Sommer plant die Gesangspädagogin einen Gesangswettbewerb in Delmenhorst, bei dem ein junges Talent eine CD-Produktion und Gesangsstunden gewinnen kann. „Wir suchen noch Sponsoren für dieses Vorhaben, das jungen Sängern eine Chance geben soll, die sich nicht bei den großen Castings vorstellen möchten“, sagt sie und nennt mit Frank Fiedler von Starfish Music und Michael Jaspers von Shampala zwei professionelle Musiker, mit denen sie bei diesem Projekt zusammenarbeitet. „Ich habe schon viel Geschichten von meinen Schülern über große Cas-tings gehört. Diejenigen, die nicht weiterkommen, werden nicht gut behandelt, sie müssen nach dem Ausscheiden zusehen, wie sie vom Studio im Nirgendwo wieder nach Hause kommen und müssen vorher stundenlang warten – unter unwürdigen Bedingungen“, gibt sie Insiderwissen preis und rät: „Man sollte nie nur auf eine Person hören, was das eigene Talent betrifft. Geht in die Musikschulen, nehmt Unterricht, um eine klare Aussage von Fachleuten zu bekommen.“
Derart ausgelastet, vermisst die Sängerin nun die Möglichkeit, selbst aufzutreten. „Leider ist mein Pianist gesundheitlich nicht mehr in der Lage, mich einen ganzen Abend lang zu begleiten.“ Gerne würde sie mit neuem Klavierpartner wieder öffentlich Chansons und Gospels vortragen. Sie ist hoffnungsvoll: „Vielleicht liest ein Klavierspieler ja diesen Aufruf.“